Nahrungsergänzungsmittel sind aus Apotheken und Supermarktregalen nicht mehr wegzudenken. Vermutlich hat jeder Leser schon einmal Bekanntschaft mit diesen Vitamin- oder Mineralstoffpräparaten gemacht, mit denen ein Jahresumsatz von 800 bis 900 Millionen Euro generiert wird. Wie sinnvoll sind aber diese – nicht selten per Selbstdiagnose verordneten – Mittel?

+ Die Nahrungsergänzung ist gesetzlich geregelt
+ Die individuelle Situation
+ Keine Selbstdiagnose
+ Nahrungsergänzung ist kein Nahrungsersatz
+ Ein gutes Gewissen

Die Nahrungsergänzung ist gesetzlich geregelt

Composition with variety of drug pills and dietary supplementsDie Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV) definiert Nahrungsergänzungen als Lebensmittel. Sie sollen einem Nährstoffmangel vorbeugen, dürfen aber nicht angeboten werden, um einen bereits bestehenden Mangel zu beheben. Weiterhin müssen die Verpackungen darauf hinweisen, dass Nahrungsergänzungen keinen Ersatz für eine abwechslungsreiche und vollwertige Ernährung darstellen und nicht über die empfohlene Dosis hinaus eingenommen werden sollten.

Um diese Punkte für sich und seine Familie richtig zu beurteilen, ist also schon einiges Wissen über Ernährung und Gesundheit erforderlich, das über das berechnen des Body-Mass-Index hinausgeht. Nicht jeder verfügt aber über solche Kenntnisse oder er verlässt sich auf bloße Erfahrungsberichte von Freunden oder Nachbarn („Bei Erkältung nehme ich immer ein ganzes Röhrchen Vitamin-C-Brausetabletten auf einmal, das hilft garantiert!“). Hinzu kommt die Werbung für die Vitamine und Mineralstoffe, die etwa empfiehlt, zugunsten eines All-in-One-Präparats den lästigen Obstkorb gleich in der Apotheke stehen zu lassen.

Die individuelle Situation

Das Wort „Nahrungsergänzung“ suggeriert zudem, dass unsere Nahrung ohnehin nicht ausreicht, um den Bedarf an Nährstoffen vollständig zu decken. Eine Ergänzung ist, wenn schon nicht erforderlich, so doch wünschenswert oder vorteilhaft. Ob und inwieweit dies auf den Einzelnen zutrifft, hängt aber von der individuellen Ernährungsweise ab, was in Werbespots und Annoncen aber gerne verschwiegen wird.Beispielsweise haben Veganer aufgrund ihrer eingeschränkten Nahrungsauswahl ein erhöhtes Risiko, Mangel an Calcium, Eisen, Zink, Jod, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren zu entwickeln.

Darüber hinaus sollten Veganer auf jeden Fall Vitamin B12 substituieren, da dieses nur in tierischen Lebensmitteln in nennenswerten Mengen vorkommt.
Auch Schwangere haben einen erhöhten Nährstoffbedarf. Hier ist etwa an Folsäure zu denken. Sie wird für verschiedene Wachstumsprozesse und den Aufbau des Nervensystems benötigt. Da manche dieser Prozesse wie die Bildung des Neuralrohrs schon am 28. Tag (also oft, bevor die Schwangerschaft überhaupt bemerkt wird) abgeschlossen sind, wird allen Frauen die schwanger werden könnten, empfohlen, auf ihre Versorgung mit Folsäure zu achten. Auch Eisen ist für werdende Mütter ein kritischer Nährstoff: um die Nährstoffversorgung des Kindes sicherzustellen, erhöht sich die Blutmenge der Mutter und damit ihr Eisenbedarf.

Wer raucht, häufig Alkohol trinkt, bestimmte Medikamente einnimmt, an Erkrankungen des Verdauungsapparats oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz leidet, kann ebenfalls Mangel an bestimmten Nährstoffen entwickeln.

Keine Selbstdiagnose

Für alle Verbraucher gilt aber: Wenn Sie Beschwerden haben, die Sie auf Vitamin- oder Mineralstoffmangel zurückführen, konsultieren Sie auf jeden Fall Ihren Arzt! Eine falsche Selbstdiagnose birgt nicht nur das Risiko, Geld für unnötige Präparate auszugeben, sondern auch, eine ernstere Erkrankung unbehandelt zu verschleppen.

Nahrungsergänzung ist kein Nahrungsersatz

Weiterhin ist es eine Illusion, anzunehmen, dass eine Vitamin-C-Brausetablette eine Orange oder Paprika ersetzen kann. Natürliche Nahrungsmittel enthalten nicht nur Vitamine und Mineralstoffe, sondern auch sekundäre Pflanzenstoffe (eine sehr vielfältige Stoffgruppe, deren hoher gesundheitlicher Wert sich erst in neueren Studien gezeigt hat), Ballaststoffe und weitere Inhaltsstoffe, deren Funktion noch unklar ist und die möglicherweise alle miteinander wechselwirken – oder um Aristoteles zu zitieren: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. Daraus folgt auch, dass häufiger Konsum von Fast Food nicht durch Einnahme von Nahrungsergänzung kompensiert werden kann. Hier steht einem Mangel an Nährstoffen ein Zuviel an Fett und raffinierten Kohlenhydraten gegenüber, dem man sinnvollerweise nur mit „weglassen“ begegnen kann.

Ein gutes Gewissen

Schließlich haben Nahrungsergänzungen auch eine psychologische Funktion: Man glaubt, mit der Einnahme schon eine ganze Menge für seine Gesundheit getan zu haben und vernachlässigt das eigenverantwortliche Kümmern um seine Ernährung – sowohl was die Nahrungsmittelauswahl als auch das Erlangen von Informationen über Ernährung und Gesundheit angeht. Dabei war beides noch nie einfacher zu bewerkstelligen als in unserer Zeit: Obst und Gemüse sind im Überfluss zu jeder Jahres- und Tageszeit erhältlich (zu beispiellos günstigen Preisen) und Informationen gibt es kostenlos im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder in seriösen Internetportalen, ganz zu schweigen von den zahllosen Ratgebern im Buchhandel oder in Frauenzeitschriften.